Jeder Mensch muss sich im Laufe seines Lebens früher oder später mit dem Sterben auseinandersetzen. Dem einen fällt es schwer nur daran zu denken, für den anderen ist es spannend, vielleicht sogar alltäglich sich mit dieser unsichtbaren Linie zwischen Leben und Tod zu beschäftigen.

Wir sterben in Phasen

Nach wissenschaftlicher Definition ist das Sterben kein Augenblick, sondern ein Prozess, der in mehreren Phasen abläuft und mit dem das allmähliche Aussetzen der Lebensfunktionen einher geht. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist demnach nur schwer als solche zu ziehen, vielmehr verfließen die beiden Zustände und gehen ineinander über.

Der Beginn des Sterbeprozesses, als klinischer Tod bezeichnet, umfasst sowohl Herz- als auch Atmungsstillstand. In dieser ersten Phase besteht grundsätzlich die Möglichkeit den augenscheinlich leblosen Körper wiederzubeleben. Durch eine Herzdruckmassage und künstliche Beatmung können die Organe Herz und Lunge möglicherweise wieder zum eigenständigen Arbeiten angeregt werden.

Die nachfolgende Phase des Sterbens wird vita reductata, das intermediäre Leben, genannt. Die vitalen Vorgänge in allen Organen des Körpers versagen nach und nach. In diesem Abschnitt ist das Leben eines Menschen nur noch mit medizinischen Apparaten zu erhalten. Hirnstamm und Großhirn, auf deren Kommunikation und Verschaltung die komplexe Koordination und Regulation der Vorgänge im gesunden Körper basieren, sind funktionell entkoppelt. Es kommt zu Hirnschäden und damit zum Ausfall der elementaren Lebensfunktionen.

Im letzten Stadium, dem biologischen Tod, setzt schließlich der zentrale Hirntod ein. Wahrnehmung, Bewusstsein und die Spontanatmung des Menschen erlöschen. Der Körper zeigt keine zerebralen Reflexantworten mehr, auch auf Reize aus der Umwelt, beispielsweise auf Schmerz, erfolgt keine Reaktion. In den großen Gefäßen, in denen beim Lebenden sauerstoffreiches Blut durch den Körper gepumpt wird, kommt der Kreislauf zum Erliegen. Auf dem Monitor des Elektroenzephalogramms, das die hirnelektrische Aktivität graphisch darstellt, ist nur noch eine Nulllinie zu sehen.

„In 20 Jahren, so glaube ich, werden wir in der Lage sein, Menschen zu reanimieren, die schon seit 12 oder gar 24 Stunden tot sind.“ — Sam Parnia

Doch wann in diesem zeitlichen Verlauf beginnt der Körper tatsächlich zu sterben? Wann setzt der Tod in den Zellen ein? Ab welchem Zeitpunkt treten irreversible Schäden auf, die jegliche Chancen auf uneingeschränkte Lebensfunktionen unseres Organismus mit jeder Sekunde schwinden lassen?

Sam Parnia, ein bekannter britischer Notfallmediziner, ist seit Jahren tätig in der Wiederbelebungsforschung. Er vertritt die These, dass viele Patienten, die einen Herzstillstand erleiden, mit der geeigneten Technik und dem angewandten Wissen des heutigen Forschungsstandes gerettet werden könnten, wären gewisse Standards und spezielles Fachwissen nur weiter verbreitet. „Wiederbelebung wird immer noch angesehen als etwas, was Ärzte nebenher leisten sollen. Aber tatsächlich ist dies längst ein hochspezialisiertes Fachgebiet […].“ (Zitate von Sam Parnia aus DER SPIEGEL 30/2013, siehe Quellen am Ende.)

Sam Parnia (rechts). Bildquelle: DER SPIEGEL

Weltweit fallen die Überlebensraten für Patienten, die im Krankenhaus einen Herzstillstand erleiden, sehr gering aus. Selbst in den meisten westlichen Ländern liegen sie unter 20 Prozent. Im Universitätskrankenhaus von Stony Brook in den USA, in dem Parnia tätig ist, konnte diese Zahl in den letzten Jahren jedoch erheblich gesteigert werden, auf 38 Prozent Anfang diesen Jahres.

Hirntod – kommt das Ende wirklich so schnell? Neue Methoden schenken Zeit

Eine lange Zeit gültige und auch heute noch oft vertretene These besagt, dass das Absterben der Gehirnzellen, der zentrale Hirntod, bereits nach 3–5 Minuten einsetzen würde. Doch diese Behauptung ist inzwischen widerlegt. Tatsächlich können Hirnstellen sogar Stunden ohne Sauerstoff überleben. Paradoxerweise ist es nicht der Mangel an Sauerstoff, die zum Tod der Hirnzellen führt, sondern die Wiederzuführung des Sauerstoffs. Dieses überraschende Phänomen wird als Reperfusionsschaden bezeichnet.

Die Aussage vom Hirntod nach 5 Minuten, wie sie heute noch in vielen Lehrbüchern steht, ist damit nicht länger haltbar. Denn es gibt inzwischen Methoden, um die Reperfusionsschäden stark zu verringern. Und diesen Methoden haben die Menschen ihr Leben zu verdanken, die nach einem Herzstillstand von Sam Parnia und seinem Team behandelt wurden. Immerhin rund 20 Prozent mehr als in den meisten Krankenhäusern der Welt.

Diese Methoden orientieren sich an den aktuellsten Leitlinien des Ilcor, der internationalen Vereinigung notfallmedizinischer Fachgesellschaften. Neben effektiver Herzdruckmassage und kontrollierter Beatmung wird streng überwacht, wie viel Blut und Sauerstoff im Gehirn ankommen. Zusätzlich wird das Blut schon außerhalb des Körpers mithilfe von Kathetern mit Sauerstoff angereichert, um den Normalwerten möglichst nahe zu kommen.

Besonders wichtig ist dabei das Herunterkühlen des Körpers auf Temperaturen zwischen 32 und 34 Grad Celsius. Dies schafft nicht nur lebenswichtige Zeit, sondern vermindert auch deutlich die Reperfusionsschäden.  „Das Kühlen bringt eine Reihe positiver Effekte mit sich: Es reduziert den Sauerstoffbedarf des Gehirns, es verhindert, dass sich dort gefährliche Substanzen wie Wasserstoffperoxid bilden, und es verlangsamt den Prozess des Zelltods. […] Richtig behandelt, dauert es Stunden, bis das Gehirn irreversibel geschädigt ist.“

Die Hoffnung, in Zukunft mehr und mehr Menschen von der Schwelle des Todes zurück ins Leben holen zu können, treibt Sam Parnia an und mit ihm das Forschungsfeld der Wiederbelebungsmedizin. Ein Feld mit großem Potential für Fortschritt. Fortschritt, der der Menschheit zu Gute kommt.

Quellen

Autorin: Theresa Schwarz